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rocococorecore

Es ist Mitte Oktober. Im Friedrich-Bischoff-Studio, genauer in Studio 2, werden Geräusche aufgenommen, um einen distinktiven Klang zu imitieren: Das Klirren des zerbrechenden Bildschirmglases eines Smartphones, das auf Asphalt fällt, während ein Nachrichtenton aus dem kleinen Lautsprecher erklingt. Zuvor haben mein Team und ich in der Geräusche-Datenbank des Öffentlichen Rundfunks nach Handy-Geräuschen gesucht. Allerdings lassen sich nur der Klang des Münzeinwurfs in der Telefonzelle oder das Freizeichen beim Rufaufbau finden, was sich wie ein Aus-der-Zeit-Gefallen-Sein anfühlt. Das passt, denn wir arbeiten an einer Geisterbeschwörung.

 

„Stetig warte ich auf Nachrichten, spiegellos, randlos. Berühre mich.“

 

Die Themen und Motive, mit denen ich mich in dem Stück beschäftige, sind die Corecore-Ästhetik sowie die Séance als spiritistische Unterhaltung, in dem ein Medium mit verstellter Stimme rückwärts mit Verstorbenen spricht, während illusionistische Technik im Hintergrund wirkt. In der Kunstepoche des Rokoko dienen ausladende Wellen und Schnörkel als ästhetisches Mittel an sich. Der Titel leitet sich aus diesen Elementen ab. Die Kunst der Montage nimmt im Stück eine zentrale Rolle ein, da sie nicht nur als Mittel des Arrangements von Klang fungiert, sondern selbst erzählerisch tätig wird. Geräusche fließen in einander, aus einem Schrei wird ein Knall, die Klänge atmen zwischen den Tönen, alles rauscht und vibriert.

 

„I just feel so secure in front of the blue light of my screen.“

 

Wer durch die Reels der sozialen Medien scrollt, begegnet den core aesthetics. Eine Frau zieht ein weißes Musselinkleid an und kocht Marmelade. Zwei Gestalten mit Korbmasken und langen Gewändern spielen die Drehleier, ein computergenerierter Vogel spricht italienisch, alles geschieht sehr schnell und laut. Diese Ästhetiken können als alternative Realitäten dienen, sie machen Spaß und lenken ab. Corecore wirkt atmosphärisch und thematisiert das leere Dasein im Internet. Ein Motiv, das häufig auftritt, ist der Traum, aus dem man aufwachen muss: Wake up. Fragmentiert, verpixelt oder als endloses Zitat schleift sich das Internet als Lebensweise und -form in den Körper ein, was sich an neu trainierten Reflexen zeigt: jede Oberfläche wird zum Entsperren angetippt oder sich trösten lassen durch eine gedankenlose Flut an Videos oder den Faden in der Mitte des Satzes verlieren. 

Das Stück wabert in diesem blau flimmernden Traum und lässt sich auf die Erzählweise der Internet aesthetics ein.

Wach auf.

Mit: Marie Popall, Frithjof Gawenda und der Autorin
Regie und Komposition: die Autorin
Ton und Technik: Daniel Senger und Sonja Röder
Produktion: SWR/ORF 2025 – SWR Premiere 4.1.2026 sowie ORF Premiere 12.02.2026

rocococorecore wurde von der Jury des Prix Palma Ars Acustica der European Broadcasting Union (EBU) in die Shortlist gewählt und lobend erwähnt:

"Sound artist, performer, and radio author Antonia Alessia Virgina Beeskow makes a truly fresh composition that references the tradition of “Hörspiel”, Theater and critical theory as a reflection of a virtual environment where, above all, a digitally native generation Z, is leaving its footprints. Using the “corecore” internet aesthetic and editing style as the point of departure, she embarks on an exciting journey through different worlds of sonic and beyond sonic experiences. Notably, the piece is meticulously scripted and arranged without using AI tools – a handmade radio piece referring to social media eclecticism. Conceptually, it refers to the recurring pattern of humanity losing itself in decorative embellishments like in the times of Rococo, that obscure reality."
 

es treten auf

3 stimmen

1 computerstimme

und viele samples

die verteilung der stimmen entspricht der montage. grundsätzlich sprechen alle stimmen alle texte,

wobei die computerstimme voraussichtlich am wenigsten zu erzählen hat.

Texte von Antonia Beeskow mit Auszügen von Texten von Bertolt Brecht, David Jones, William Butler Yeats, Chiara Marcassa, Alex Cuff, Joy Division, Charles Babbage, Edgar Allan Poe sowie

Zitaten aus dem Internet.

​​

"Also eine Seance ist eine Geisterbeschwörung oder auch so ein bisschen wie so eine Art Sozial-Event des späten 19. und Anfang 20. Jahrhunderts, wo man sich zusammentrifft, ein bisschen den Raum abdunkelt und dann die Geister anruft und so.

 

[...] Und ich glaube, ich finde diese Idee, dass sozusagen überall die ganze Zeit diese Radiowellen herum schwirren mit irgendeinem Content, den man manchmal nicht hören kann, außer man wird eine Antenne sozusagen, das fand ich als Gedanken irgendwie ganz schön.

 

Und gleichzeitig ist halt die Seance, wenn man es jetzt so ernst nehmen möchte, tatsächlich auch einfach so ein Spiel der Medien oder des Mediums, weil man braucht natürlich ein Medium, um mit den Geistern zu kommunizieren, was meistens irgendein Mensch ist. Aber dabei wird sehr viel Technik angewandt. Also es ist alles trotzdem im weitesten Sinne eine Montage und Fake und man muss halt dran glauben, dass das stimmt. Entschuldigung, dass ich das so sage.. Und ich glaube, diese Verbindung fand ich auch interessant, dass man so Technik braucht, um sozusagen so einen spirituellen Zugang zu haben zur Welt.

 

Was für mich sozusagen selber auch dieses Berühren der Knöpfe, das Drehen, das Hören, das Rauschen des Bandes und so ist. Also so diese Erfahrung der Technik als intimer Akt, weil am Ende des Tages würde ich schon sagen, dass das Handy mein intimster Partner ist, das fasse ich jeden Tag an und halt ganz nah an meinem Körper und so weiter. Und so kam die Idee eigentlich dazu."

Im Rahmen der ARD Hörspieltage 2025 habe ich das Stück als Live-Version im Klangdom des ZKM in Karlsruhe präsentiert und quasi als Overdub klangliche Elemente von Kassetten, mikrofoniertes Streicheln oder Gitarrendrones live performed. 

Im Anschluss haben Frank Halbig vom SWR und ich noch über die Hintergründe und den Prozess der Arbeit unterhalten. In dem Video sieht man einen kleinen Ausschnitt aus der Arbeit von Marie Popall und mir.

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 © 2025 by Antonia Alessia Virginia Beeskow.

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